Abschluss der Aktion „Armut hat viele Gesichter“
„Es sollte überhaupt kein Armer unter euch sein“. Mit diesem biblischen Zitat aus dem fünften Buch Mose eröffnete Martina Klein, Leiterin des Zentrums Bildung, den Kongress „Armut hat viele Gesichter“, am 10. März in der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt. Nicht nur gemessen daran sei es ein Skandal, wenn wir in einem reichen Land wie in Deutschland über arme Kinder reden. Dass wir die Armut von Kindern überwinden, entscheide über unsere Zukunft. Deshalb müsse das Thema in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt werden. Und dies sei auch die Motivation weshalb die Zentren Bildung und Gesellschaftliche Verantwortung die Aktion „Armut hat viele Gesichter – gemeinsam aktiv für Kinder“ durchgeführt haben. „Wir wollten Diskussionen und Projekte anstoßen – und das was in Gemeinden und Dekanaten schon getan wird – als Anregung für andere sichtbar machen.“
Vorträge
Dr. Jürgen Borchert, Vorsitzender Richter beim Landessozialgericht Darmstadt, stellte der Politik und den meinungsbildenden Eliten beim Thema „Armut von Kindern“ und angesichts von 2,5 Millionen armen Kindern in Deutschland ein Armutszeugnis aus. Beide hätten offenbar keine Ahnung, wie es bei Familien im Hartz IV-Bezug hierzulande tatsächlich aussehe. In seinem Vortrag stellte er klar, dass es sich bei den Beziehern von Arbeitslosengeld II um keine einheitliche Gruppe handele. Es gebe die Gruppe der langjährigen Arbeitslosen und die Gruppe, die im Niedriglohnsektor ihren Lebensunterhalt teilweise selbst verdiene. Letztere bilde mittlerweile die Mehrheit und werde immer größer. „Die schuften den ganzen Tag und es reicht doch nicht zum Leben.“ Stattdessen gerieten Familien in Hartz-IV-Bezug unter Pauschalverdacht. „So werden aus Opfern Täter gemacht“, kritisierte Borchert. Die Vorstellung jedoch, die Menschen seien zu allererst selbst schuld an ihrer Lage, stelle die Dinge auf den Kopf. Armutslagen gebe es, weil die Politik versage. Der Fehler liege in der Verteilung des Geldes. Borchert zeigte dies besonders an der Entwicklung des Steuer- und Sozialaufkommens auf. Den Löwenanteil der Staatseinahmen machten heute die Steuern der „kleinen Leute“ aus. „Je weniger verdient wird, um so höher ist die relative Steuerlast“, so Borchert. Die Sozialversicherung und das Steuerwesen seien dringend zur korrigieren und radikal zu reformieren. Die Sozialversicherung werde in Deutschland weitgehend durch die Löhne finanziert. Gleichzeitig würden permanent Mittel von unten nach oben geschaufelt. „Die Masse verarmt und die Reichen wissen nicht mehr wohin mit ihrem Geld“. „Die Sozialversicherung ist das Problem. Was wir brauchen ist eine Bürgerversicherung, in die alle einzahlen.“ Für die Familien müssten die Nachteile aufgehoben werden. Dies verweigere jedoch der Gesetzgeber. Das Land werde durch seine Abgabestruktur zugrunde gerichtet. Die Terminologie „Solidarprinzip“ sei eine „semantische Täuschung“ und verhülle worum es eigentlich geht. Die Verhältnisse würden unangefochten gelassen. Der Skandal ist: „Wir produzieren Armut“. An die Kirche gerichtet, äußerte er die Bitte. Sie möge auf den Tisch hauen und vom Gesetzgeber fordern, dass er die Weisungen aus Karlsruhe, zur Erhöhung der Regelleistungen für Familien mit Kindern, befolge. „Dass wäre schon eine gute Unterstützung.“
„Wachsende Armut auf dem Höhepunkt der Reichtumsentwicklung ist ein Skandal“, sagte Dr. Wolfgang Gern, Sprecher der Nationalen Armutskonferenz und Leiter des Diakonischen Werks Hessen und Nassau. Drei Millionen arme Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren seien ein Armutszeugnis einer reichen Gesellschaft. Immer mehr Menschen seien arm trotz Arbeit. Von Armut besonders stark betroffen seien Kinder in Haushalten von Alleinerziehenden und Familien mit Migrationshintergrund.
Es müsse die Frage gestellt werden, „was Menschen, die an einem Ort leben, sich gegenseitig schuldig sind.“ Dabei seien drei Grundsätze handlungsleitend für Kirche und Diakonie: „Wir sind Stimme der Stummen.“ – „Keiner darf verloren gehen.“ – „Barmherzigkeit drängt auf Gerechtigkeit und Recht.“ Es gehe darum, „den Menschen von unten her beizustehen“, so Gern. Kirche und Diakonie hätten auch einen zivilrechtlichen Auftrag und seien als öffentliche Akteure mit verantwortlich für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Es gelte das Sozialrecht ernst zu nehmen und die Option für die Armen zu praktizieren. „Wenn wir nicht politisch aktiv werden, versündigen wir uns gegenüber Kindern und jungen Menschen“. Wer Armut überwinden wolle, müsse zum sozialen Ausgleich beitragen.
In seiner letzten von zehn Thesen forderte er die Kirchen zu mehr diakonischem Handeln und zur strukturellen Förderung von Kindern und Jugendlichen auf. „Ich wünsche mir eine Kirche, die Ausschau hält nach mehr Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit“, sagte Wolfgang Gern. Die Zukunft sehe er in der Verzahnung vor Ort, um gemeinsam ein gutes Angebot zu machen – aber auch in der Öffnung von Kirche. „Wir müssen zeigen, dass wir eine offene und einladende Kirche sind, in allem was wir tun.“
Presseartikel in Darmstädter Echo und FAZ
Prämierung der Wettbewerbsbeiträge und Projekt-Ausstellung
„Ich freue mich ihre Projekte würdigen zu dürfen“ sagte Prof. Dr. Karl-Heinrich Schäfer, Präses der Kirchensynode der EKHN bei der Preisverleihung. Kirche müsse sich zur „Armut von Kindern“ aufstellen und artikulieren und mit ihrem Handeln dem Auftrag des Evangeliums gerecht werden. Die Projekte die prämiert wurden, seien “in ihrem Konzept sinnvoll angelegt, packen konkret an und zeigen wie was geht.“
Zwei Projekte erhielten einen Preis von jeweils 250,- Euro.
Die Preise gingen an:
Das Evangelische Stadtjugendpfarramt Darmstadt für die Projekte „Jugendliche arbeiten mit bei der Darmstädter Tafel“ und „Jugendvertretung beschäftigt sich mit dem Thema Kinderarmut“.
Foto 1: Übergabe des Preises durch Prof. Dr. Karl-Heinrich Schäfer an Felicitas Held und Margarete Widmeier
Das Evangelische Dekanat Hochtaunus für das Projekt „Armut bei Kindern – mein Leben in Deutschland“ – ein Projekt mit Kindern, die in Flüchtlingsunterkünften leben.
Foto 2: Übergabe des Preises durch Prof. Dr. Karl-Heinrich Schäfer an Yvonne Dettmar
Fünf Projekte erhielten einen Preis von jeweils 750,- Euro.
Die Preise gingen an:
Das Evangelische Dekanat Büdingen für das Projekt „Hausaufgabenhilfe“ in Kefenrod.
Foto 3: Übergabe des Preises durch Prof. Dr. Karl-Heinrich Schäfer an Ulrike Martin
Die Evangelische Kindertagesstätte Arche Noah, Bad Ems für die Projekte „Helfen in der Not“ und „“In Bildung investieren“.
Foto 4: Übergabe des Preises durch Prof. Dr. Karl-Heinrich Schäfer an Martina Griese.
Das Evangelische Dekanat Rüsselsheim für das Projekt „KinderStärken“ – Kinderarmut als Herausforderung Evangelischer Bildung.
Foto 5: Übergabe des Preises durch Prof. Dr. Karl-Heinrich Schäfer an Andrea Alt und Volkhardt Guth
Die Evangelische Familienbildung im Landkreis Offenbach für die Projekte „Schritt für Schritt – Opstapje“ und „Hand in Hand – Freiwilliges Engagement für Familien in schwierigen Lebenslagen“.
Foto 6: Übergabe des Preises durch Prof. Dr. Karl-Heinrich Schäfer an Angela Ruland.
Die Evangelische Dietrich-Bonhoeffer Kindertagesstätte in Pfungstadt für das Gesamtkonzept zur Förderung der sozialen Integration.
Foto 7: Übergabe des Preises durch Prof. Dr. Karl-Heinrich Schäfer an Barbara Jacobs und Anke Leuthold.
Alle von der Jury prämierten Projekte stellen die „Armut von Kindern“ in den Mittelpunkt und zielen auf die Verbesserung der Lebenslagen und Teilhabemöglichkeiten von Kindern, so die Begründung der Jury. Darüber hinaus legte die Jury bei ihrer Entscheidung besonderen Wert darauf, „dass die konkreten Maßnahmen nicht diskriminierend sondern integrierend und nachhaltig wirken und die Projekte kirchlich und möglichst auch außerkirchlich gut vernetzt sind“.
Die Mitglieder der Jury waren: Dr. Brigitte Bertelmann, Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der EKHN; Pfarrer Christoph Geist, Jugendwerksatt Gießen e.V.; Dekan Joachim Meyer, Evangelisches Dekanat Reinheim; Petra Strübel-Yilmaz, Sozialkritischer Arbeitskreis Darmstadt e. V.
Die prämierten Projekte präsentierten sich im Foyer der Fachhochschule. Bei einem Rundgang durch die Projekt-Ausstellung, hatten die Teilnehmenden Gelegenheit ihre Fragen an die Projektleiter/innen zu stellen. Gudrun Neveling, Leiterin des Zentrums Gesellschaftliche Verantwortung moderierte das Gespräch.
Podiumsdiskussion
„Einmal Hartz – immer Hartz“ – mit dieser Überschrift eines Zeitungsartikels eröffnete Dr. Matthias Arning die Podiumsdiskussion. Der Ressortleiter der Stadtredaktion bei der Frankfurter Rundschau moderierte das „Zukunftsgespräch“ wie er es selbst bezeichnete. Mit auf dem Podium saßen: Gerda Holz, Politikwissenschaftlerin am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS), Prof. Dr. Karl-Heinrich Schäfer, Präses der Kirchensynode der EKHN; Felicitas Held, Ehrenamtliche in der Evangelischen Jugend im Dekanat Darmstadt-Stadt und Karin Wolff (CDU), Mitglied des hessischen Landtages.
„Einmal Hartz – immer wieder Hartz“, wäre bezogen auf die Familien richtiger, meinte Gerda Holz. Eltern kämen mit viel Kraft immer wieder raus aber dann auch immer wieder rein. Die Mehrheit der Alleinerziehenden bleibe allerdings auf Hartz IV angewiesen.
Was brauchen Kinder – was braucht die Gesellschaft? Wo hakt es, welche Potentiale müssen stärker genutzt werden? Öffentliche Verantwortung – was heißt das beim Thema Armut von Kindern? Matthias Arning fragte nach den Standpunkten der Podiumsteilnehmenden.
„Im Grunde steht bereits alles in der Bibel und im Grundgesetz“, sagte Karl-Heinrich Schäfer. Das Dreifachgebot der Liebe und der Auftrag eines Rechts- und Sozialstaates. Viele Grundfunktionen würden allerdings vom Staat nicht mehr übernommen werden. „Wir brauchen einen Grundkonsens in der Gesellschaft über das was staatliche Aufgabe ist.“ Über das was sich delegieren und privatisieren lasse und was nicht. Auch Kirche sei in der Pflicht und in der Verantwortung. Die Armut von Kindern müsse als Thema deutlicher hervorgehoben werden. Es gelte auf gesellschaftliche Phänome zu reagieren, denen wir gerecht werden müssten. „Es ist besser klare Rechtsansprüche zu formulieren als auf Almosen zu bauen.“
„Auch die wohlhabenden Eliten haben in der Gesellschaft Verantwortung gegenüber den Schwächeren“, so Gerda Holz. Dies werde allerdings immer wieder ausgeblendet. „Stattdessen schauen wir auf die Schwachen und stellen Forderungen, was sie bringen müssen.“ Immer mehr Menschen würden merken, dass wir es so nicht lassen könnten. Bei der Armut von Kindern brauche es schnelle und konkrete Präventionsansätze. Kirche müsse sich als Ort anbieten, damit Kinder und Jugendliche tun können, was sie wollen und die Menschen sich als Teil der Gesellschaft fühlen. „Wer auf Almosen angewiesen ist, fühlt sich nicht als Teil. Kindertafeln können nicht das Zukunftsbild sein.“
„Es gibt keine schablonenartige Antworten auf die Frage was der Staat tun muss“, erklärte Karin Wolff. Unsere Gesellschaft wäre aufgeschmissen, wenn Menschen ihre Begabungen nicht ehrenamtlich einbringen würden. Kinder bräuchten vergleichbare Voraussetzungen, hier sei im Bildungsbereich anzusetzen. Zudem müsste es in allen Schulen im Lande Hessen ein Angebot an ganztägiger Betreuung geben. Jeder solle aus sich herausholen können, was in ihm stecke.
„Kirche hat was zu sagen. Sie muss aktiver sein, Skandale anprangern wie beispielsweise die Armut von Kindern“, votierte Felicitas Held. Kirche solle eine Gegengesellschaft sein und wirkliche Solidarität leben. Es gelte die Potentiale auszuschöpfen, die in der Kirche sind.
Resümee und Ausblick
Die Veranstaltungsleiterinnen Simone Reinisch, Zentrum Bildung und Dr. Birgitte Bertelmann, Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung wiesen auf einen deutlichen Anstieg der Anfragen zum Thema Armut von Familien und Kindern hin. Aber nicht nur in den kirchlichen Arbeitszusammenhängen auch insgesamt in der Gesellschaft sei eine größere Bereitschaft wahrzunehmen, sich mit dem Thema zu befassen. „Die politischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen sind entscheidend“, sagte Brigitte Bertelmann. Deshalb müsse sich Kirche einbringen, um die Bedingungen zu verbessern und weiterzuentwickeln. Ehrenamtliches Engagement sei gut. „Doch es braucht die professionelle Struktur und Begleitung, die den ehrenamtlichen Einsatz ermöglicht. Da macht man sich in Politik und Kirche manchmal zu leicht“, sagte Bertelmann.
11. März 2009, Elke Heldmann-Kiesel


